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Ende August war ich zu einer Hochzeit eingeladen.

Glücklicherweise entschied ich mich 14 Tage vorher dazu mein Kleid von der Hochzeit meines Bruders noch einmal anzuprobieren. Das war erst 2 Jahre alt und ich hatte es nur einmal getragen, also, warum ein Neues kaufen?

Was ich nicht bedacht hatte: In diesen zwei Jahren zwischen den beiden Hochzeiten, war ich schwanger und habe meine Tochter zur Welt gebracht.
Tatsächlich ist es nicht so, dass ich noch viele Kilos von der Schwangerschaft auf den Hüften habe…. aber (!!) :
Seit der Geburt meiner Tochter habe ich eine Rektusdiastase.
Kurz zur Erklärung für diejenigen, die mit dem Begriff nichts anfangen können:
Bei einer Rektusdiastase ist der kleine Spalt, der natürlicherweise zwischen den geraden Bauchmuskeln verläuft, geweitet. Bei mir beträgt dieser Spalt ganze 3 cm. Klingt erstmal nicht viel, hat allerdings eine große Auswirkung auf den Körper. Um es auf den Punkt zu bringen: Man sieht einfach weiterhin schwanger aus. Der Bauch steht ab und die Organe haben nicht den Halt der Bauchmuskeln, den sie vorher hatten.

Bedeutet: Mein Bauchumfang ist trotz eines ähnlichen Gewichts wesentlich größer als vorher.

Und nun kommen wir zu dem Punkt, weshalb ich sagte:“´Glücklicherweise´ habe ich das Kleid noch einmal anprobiert.“, ich passte nämlich nicht mehr hinein.
14 Tage vor der Hochzeit.
Mein Kleid passte nicht.

Klingt vielleicht für andere gar nicht so dramatisch. Mit meiner Statur ist es das jedoch. Gerade bei der Abendmode kommt die Modeindustrie scheinbar an ihre Grenzen, Kleider für große Größen herzustellen.
Die Auswahl ist nicht da.

Ich stand also vor der Wahl: Ich quäle mich durch alle Läden in der Nähe in der Hoffnung noch schnell etwas passendes zu finden ODER ich habe noch entspannte 14 Tage Zeit um mein eigenes Kleid zu nähen.

Wofür ich mich entschieden haben könnt ihr euch wohl denken. 😉

Hier kommen wir also nun zum DIY Boho-Kleid!
Und eins vorweg sei schon gesagt: 14 Tage habe ich dafür nicht benötigt – es geht nämlich ruckizucki!

Anleitung / Inspiration Boho Kleid


Material
Rockteil: Viskose Webware schwarz
Oberteil: Baumwolljersey schwarz
Gummiband für den Tunnelzug

Das Kleid, das ich mir überlegt hatte ist wohl eines der simpelsten Kleider: Es besteht insgesamt aus 3 Schnittteilen.

Um mich langsam an das Kleid heranzutasten bin ich zunächst mit dem Rockteil gestartet.
Dieser Rock basiert auf Rock LOTTE, ein Freebook, welches du hier auf meinem Blog findest.

Witzigerweise habe ich einige Zeit später auch ein Video auf Youtube gefunden, welches Rock LOTTE sehr ähnlich ist und wunderbar beschreibt, wie ich den seitlichen Schlitz genäht habe.
Falls du HOW TO SLAY OMAS KLEIDERSCHRANK noch nicht kennen solltest, kann ich dir sowieso nur empfehlen bei den großartigen Videos von Kathi auf ihrem Youtube-Kanal vorbeizuschauen.
Das Video zu ihrem Rock findest du HIER.

Rockteil

Ich erzähle dir hier also einmal schnell in Kurzfassung, wie ich den Rock gestaltet habe:

Zunächst habe ich meinen Bauchumfang x 1,5 gerechnet und so die Weite meines Rockes ermittelt. Die Länge kannst du dir abmessen, indem du das Maßband an dir herunterfallen lässt. Beachte, dass du mind 10 cm zunächst hinzufügen solltest, um den Tunnelzug und den Saum noch nähen zu können.

Mit diesen beiden Werten habe ich mir dann ein Rechteck aus einem Viskose-Stoff ausgeschnitten und alle Kanten versäubert.
Das Versäubern macht es dir wesentlich leichter für die nächsten Schritte und sollte also nicht übersprungen werden.

Als Nächstes habe ich die beiden kurzen Kanten 2 cm umgebügelt und abgesteppt.

Um die Seitennaht zu schließen, habe ich die kurzen Kanten nun rechts auf links etwa 7 cm überlappend übereinandergelegt und knappkantig abgesteppt. An dieser Stelle kannst du nun entscheiden wie lang dein Schlitz sein soll, bzw. wie weit du die Seitennaht schließen möchtest. Ich habe mich dazu entschieden die Seitennaht etwa bis zum Knie zu schließen.
Das hat den Vorteil, dass auch beim Sitzen nicht zu viel zu sehen ist 😉

Ist das erledigt, bügelst du die obere Kante so um, dass ein passender Tunnel für dein Gummiband entsteht.
Dieser Tunnel sollte so breit sein, dass dein Gumiband bequem hindurchpasst. Ich empfehle in etwa Breite des Gummibands + 0,5 cm.
Steppe die umgebügelte Kante nun knappkantig ab und lasse dabei eine kleine Öffnung. Ziehe das Gummiband mit Hilfe einer Sicherheitsnadel durch den Tunnel und schließe die Öffnung.
Damit hast du den Rockteil vorbereitet. Dem unteren Saum widmen wir uns erst ganz zum Schluss.

Oberteil

Für das Oberteil benötigst du 2 Jerseystreifen.
Miss zunächst deinen Unterbrustumfang und in etwa die Strecke von unterhalb der Brust über die Schulter bis zur Mitte des Rückens. Lasse dir hierbei am besten helfen oder nimm zuerst ein sehr langes Stück, welches du im Nachhinein kürzt.
Dein Jerseystück sollte aus den Maßen (Unterbrustumfang x 1,5) x (Brust-Rücken-Länge) bestehen. Diesen Streifen teilst du dann längs in 2 Teile.

Als Nächstes ziehst du am besten deinen Rock einmal an und schnappst dir einen Jerseystreifen. Lege ihn über eine Oberkörperhälfte (also über eine Brust), fixiere ihn vorne und hinten am Rock und kontrolliere ob die Länge passend ist.
Nun kannst du auch den zweiten Jerseystreifen zur Hand nehmen und dasselbe auf der anderen Seite stecken.
Fixiere alle gut mit Nadeln und verteile den Stoff gleichmäßig. Lass die beiden Streifen vorne und hinten in der Mitte, sowie an beiden Seiten etwa 1-2 cm überlappen.
Wenn du soweit bist, dass alles gut sitzt, markiere dir ebenfalls vorne und hinten am Ausschnitt, wie weit du die Naht schließen möchtest ( = wie tief soll der Ausschnitt sein).

An dieser Stelle sei gesagt: Du bist hier völlig frei in der Ausführung! Lasse dir zum Beispiel am Rücken einen tiefen V-Ausschnitt. Das sieht nicht nur wunderschön aus, sondern ist auch ein absoluter Hingucker beim Kleid!
Hätte ich den passenden BH dazu gefunden, hätte ich meinen Rückenausschnitt wesentlich tiefer gestaltet. Aber, wir wissen ja, ich hatte nicht allzu viel Zeit und schon gar nicht, um noch einen anderen BH zu finden.

Nun kannst du das Kleid ausziehen und das Oberteil vom Rockteil lösen. Schließe nun alle Nähte (Überlappungen), die du dir markiert hast: Die beiden Seitennähte und den vorderen und hinteren Ausschnitt.
Hierbei nähst du rechts auf links.
Wann wir das Oberteil versäubern fragst du dich vielleicht gerade? – Gar nicht!
Ich finde es gibt dem Kleid den ganz besonderen Look, wenn du die Kanten offen lässt und sie sich etwas einrollen. Das, was wir beim Jersey immer befürchten, machen wir uns bei diesem Kleid zunutze.
Durch das Einrollen des obenliegenden Stoffes, verschwindet die eben genähte Naht ganz automatisch.

Teile dir nun den Rock in 4 gleichgroße Teile und stecke diese Markierungen rechts auf rechts auf das Oberteil.
Dehne beim Zusammennähen das Gummiband des Rockes auf die Maße des Oberteils.
(Mache nicht den Fehler wie ich und nähe unterhalb des Gummibands. So wird der Tunnelzug später abstehen. Du siehst es auf dem Foto oben.)
Nähe dabei auf dem Tunnelzug. So kann sich dein Gummiband auch später nicht innerhalb des Tunnels verdrehen.

Ärmel

Bei den Ärmeln machen wir es uns ebenfalls ganz leicht:
Ziehe dein Kleid nun einmal wieder an und markiere dir am besten mit Schneiderkreide oder einem Trickmarker den obersten Schulterpunkt auf deinem Jerseystreifen.
Ziehe das Kleid nun wieder aus und ziehe mit Hilfe eines Lineals eine gerade Linie = die Schulterlinie.

Nun schnappst du dir Nadel und Faden und beginnst entlang der gezeichneten Linie zu kräuseln. Hierfür nutzt du einen ganz einfachen geraden Stich, fixierst den Anfang gut mit einem Knoten und raffst den Jerseystreifen. Wenn du am Ende angekommen bist, fixiere die Naht auch hier wieder gut mit einem Knoten und wiederhole dasselbe für die andere Schulternaht.

Saum

Ganz zum Schluss kannst du dich nun für die richtige Länge deines Kleides entscheiden. Ich habe mich, weil ich es für eine Hochzeit sehr passen fand, für ein bodenlanges Kleid entschieden.
Stecke dir den Saum wieder gut mit Nadeln fest und ziehe es unbedingt noch einmal an, bevor du den Saum fixierst.

Im letzten Schritt bügelst und steppst du den unteren Saum ab.

Pssst: Möchtet du auch Schuhe mit Pailetten dazu tragen, wie ich auf der Hochzeit? Dann bist du hiermit offiziell gewarnt: Schlage deinen Saum doppelt um!
Ich habe am Ende des Abends ziemlich viele Fäden der Versäuberungnaht hinter mir hergezogen… 😀

Et Voilá

Fertig!


Weitere Beispielbilder, wie das Kleid getragen aussieht, findest du auf meiner Instagram Seite in den Reels. Dort habe ich dir ein paar Aufnahmen erstellt.

Solltest du noch Fragen haben, melde dich jederzeit sehr gerne!

Ich kann dir sagen: Ich habe noch nie ein bequemeres Kleid auf einer Hochzeit getragen! Ich fühlte mich weder eingeengt, noch musste ich beim Tanzen aufpassen, dass ich nicht irgendwo drauftrete oder etwas verrutscht. Ich habe mich rundum wohl gefühlt. <3

Ich wünsche dir viel Spaß beim Nähen und falls du dich für ein DIY-Boho-Kleid in deinem Kleiderschrank entscheiden solltest, dann zeig es mir supergern auf Instagram! Ich freue mich immer sehr über eure Bilder <3

Happy Sewing!

Ann-Kathrin

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